Coworking in ländlichen Regionen wird immer beliebter / Die Wirtschaftsförderung Wetterau hilft bei Fragen / Workshop in Ortenberg-Lißberg

Coworking auf dem Land ist so eine Sache. Viele schielen auf die großen Städte, wo diese Art der Zusammenarbeit schon seit Jahren erfolgreich läuft. Doch kann so ein Konzept auch auf dem Land funktionieren? Gibt es da wirklich Bedarf? Und wie kann aus einem leerstehenden Gebäude tatsächlich ein lebendiges und florierendes Coworking-Space werden?

All diesen Fragen konnten Interessierte jetzt innerhalb eins zweitägigen Seminars nachgehen, das von der Wirtschaftsförderung Wetterau im Rahmen der Dorf-Akademie angeboten wurde. Projektmanager Marius Wetz begrüßte einige Gäste, die schon eigene Projekte im Kopf haben oder die sich für die Idee interessieren, weil sie selbst Immobilien haben. „Ich überlege, ob ich mein Haus langfristig umfunktionieren kann“, sagte etwa ein Teilnehmer aus Ortenberg.

Wetz erzählte, dass seiner Erfahrung nach zwar viele interessiert seien, aber zum Teil noch unsicher sind und viele Fragen haben. Das gelte sowohl für diejenigen, die gerne so einen „Arbeitsplatz“ einrichten würden, aber keine Ahnung haben, was man dafür alles benötigt. Das gelte aber auch für jene, „die sehr gerne in einem Coworking-Space arbeiten würden, aber nicht genau wissen, wo es das gibt oder wie sie den Wunsch, dort zu arbeiten, ihrem Arbeitgeber vermitteln können“, so Wetz. Deshalb biete die Wirtschaftsförderung diese Workshops an. Man möchte hier nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Kontakte herstellen und Hemmschwellen abbauen. Nicht zuletzt könnten die Konzepte mit geeigneten Fördermitteln unterstützt werden.

Ute Kohlbecher beim Planen eines Coworking-Space für die Neue Mitte in Wallernhausen

Quelle: Ulrich Bähr (CoWorkLand eG)

Insgesamt vier Stunden hatten die Besucher an zwei Tagen Zeit, um sich von Ulrich Bähr über Möglichkeiten, Chancen und Nutzen dieses neuen Arbeitskonzepts zu informieren. Bähr arbeitet bei CoWorkLand, einer Genossenschaft mit Sitz in Kiel. Die Norddeutschen haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Mitglieder bei der Gründung und im Betrieb von Coworking-Spaces zu unterstützen und ihren Kunden die Möglichkeit zu geben, an möglichst vielen Orten im ländlichen Raum ortsunabhängig zu arbeiten. In Schleswig-Holstein, so erzählt Bähr, sei das bereits vielerorts gelungen. Dort gebe es zahlreiche Coworking-Spaces. Auch Beschäftigte der Landesverwaltung haben demnach die Möglichkeit, in solchen externen Einrichtungen zu arbeiten.

Er informierte unter anderem über die verschiedenen Coworking-Formen zum  Arbeiten. Ein sogenannter Pendlerhafen, in dem große Unternehmen einen Teil ihrer Mitarbeiter dezentral unterbringen, gehört ebenso dazu wie das Konzept der Neuen Ortsmitte. Gerade für letzteres interessierten sich einige der Besucher. Denn die Ortsmitte kleinerer, ländlicher Kommunen, die in den vergangenen Jahrzehnten eher ins Hintertreffen geraten sind, könnten von diesem Trend des gemeinsamen Arbeitens profitieren. „Wir haben in der Dorfmitte schon einen Laden, eine Kita und ein Bistro“, sagte eine Teilnehmerin aus einem Niddaer Ortsteil. Nun habe man noch 110 Quadratmeter zur Verfügung und wollte wissen, ob dort ein Coworking-Space möglich ist.

Zwar haben die Menschen in der Pandemie erfahren, wie schön es sein kann, von zu Hause aus zu arbeiten, um nicht mehr einen großen Teil des Tages auf der Fahrt von und zur Arbeit zu verbringen. Aber jeden Tag ganz alleine am Schreibtisch zu sitzen, ist dann auch keine Option. Zumindest ein oder zwei Tage in der Woche suchen viele Abwechslung, Austausch und – ganz wichtig – „guten Kaffee“, wie Ulrich Bähr erzählt. Darüber hinaus braucht es nicht so viel, um ein erfolgreiches Miteinander im Arbeitsmodus zu erstellen. Neben einer funktionalen Einrichtung sollte die technische Infrastruktur stimmen, damit schnelles und beständiges Arbeiten möglich ist. Zudem kann eine Buchungsplattform die Planung erleichtern. Im Zweifel sollte vorab eine sogenannte Machbarkeitsstudie prüfen, ob überhaupt genug Leute zum Arbeiten kommen würden.

Beim Treffen in Ortenberg-Lißberg sollten sich die Teilnehmer unter anderem überlegen, wie sie einen solchen gemeinschaftlichen Arbeitsplatz gestalten könnten. Ganz konkret sollten sie gemeinsam Pläne entwickeln. Und Bähr gab Tipps, worauf zu achten ist, was möglich, sinnvoll oder vielleicht eher wenig praktikabel ist. Gerade dieser praktische Bezug habe allen geholfen, stellte Wetz fest.

Der Projektmanager zog nach dem Workshop eine positive Bilanz. „Die Teilnehmer waren wirklich am Thema interessiert und haben einen Mehrwert aus dem Praxis-Workshop gezogen“, sagte er. Und, wer weiß, vielleicht seien sogar die Grundlagen für ein oder zwei neue Coworking-Spaces gelegt worden. Vor allem der direkte Kontakt zu Bähr sei für die Teilnehmer sehr wichtig gewesen, da diese vielleicht früher oder später auf seine Hilfe oder auf die Hilfe des Netzwerks der CoWorkLand zurückgreifen möchten. Klaus Karger, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau GmbH, ergänzt dazu: „Coworking kann neue Impulse für die Entwicklung unserer Region geben. Es funktioniert vor allem dort, wo neben der Arbeit auch soziale Aspekte und Netzwerke eine Rolle spielen.“

Wer sich selbst für das Thema Coworking interessiert, kann sich an die Wirtschaftsförderung des Wetteraukreises wenden. Marius Wetz ist unter marius.wetz@wfg-wetterau.de zu erreichen.